Deep Dive mit Torsten Koerting — Folge 082 (Teil 1) - Hans Kammerlander - Von großen Zielen, Willenskraft und etwas Glück 2021-09-24 Automatisch transkribiert (whisper.cpp, large-v3-turbo). Nicht redigiert — Fehler sind möglich. Sprecher automatisch getrennt (pyannote). Gäste sind nicht namentlich zugeordnet. Quelle: https://torstenkoerting.com/podcast/082-teil-1-hans-kammerlander-von-grossen-zielen-willenskraft-und-etwas-glueck ======================================================================== Torsten J. Koerting: Hallo und ein herzliches Willkommen zu dieser neuen und ganz besonderen Folge des Umsetzungsgiganten-Podcast. In dieser Folge habe ich einen Heroen, eine Koryphäe, jemanden, der ganz außergewöhnliche Dinge in seinem Leben gemeistert hat. Ein Vorbild schon vor vielen, vielen Jahren, als ich ihn zum ersten Mal hören und auch sehen durfte, hat er mich immer wieder inspiriert in den unterschiedlichsten Bereichen meines Lebens durch die unterschiedlichen Bereiche seines Lebens. Und derjenige, den ich in der Lage war zu interviewen im Rahmen dieses Podcasts, ist jemand, der durch ganz besondere Umstände zu einem ganz außergewöhnlichen Menschen geworden ist. Er ist nämlich derjenige, der immer noch den Geschwindigkeitsrekord von einem Basislager, von dem Basislager auf der tibetischen Seite des Mount Everest bis rauf auf den Mount Everest hält. Insgesamt 16 Stunden, die er dafür gebraucht hat. Er ist nicht nur derjenige, der diesen Geschwindigkeitsrekord hält, immer noch, sondern er ist derjenige, der nach diesem Geschwindigkeitsrekord eine weitere, ganz besondere Leistung erbracht hat. Nämlich er ist derjenige, der von der Mount Everest, vom Summit des Mount Everest, also vom Gipfel des Mount Everest, danach, nachdem er eben in Geschwindigkeitsrekord erklommen hat, mit den Skiern auf der anderen Seite abgefahren ist und somit sechs Stunden später wieder im Basislager stand, wo er aufgebrochen ist. Er ist jemand, der heute immer noch nahbar ist. Er ist jemand, der mit seinen 64 Jahren immer noch in seiner Kraft und Energie steht. Er ist derjenige, der andere Menschen, seine Welt des Südtirols in Sand im Taufers zugänglich macht. Er ist derjenige, der uns mit eintauchen lässt in seine Welt, nicht nur die Welt seiner Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen, sondern auch in die Welt der Berge, wo viele, viele Jahrzehnte vorher alles begann. Er ist derjenige, der uns aufzeigt im Rahmen dieses Podcasts, was es braucht und wie wenig es braucht, um sich die eigene Außergewöhnlichkeit möglich zu machen. Er hat nämlich erkannt, an einem Wendepunkt seines Lebens, auf den wir eingehen werden, hat erkannt, dass zwei ganz wesentliche Kompetenzen und Stärken seinerseits, nämlich das Bergführen, er ist ausgebildeter Bergführer, und die des Skifahrers, weil er auch Skilehrer ist, diese zwei Punkte so zusammenzubringen, dass er in der Lage war, da Rekorde aufzustellen wie nie jemand zuvor im Bereich des Alpinismus und der alpinen Bergbesteigung. Und wie wir eben an dem einen Beispiel Everest-Besteigung und Abfahrt in die Wand hinein und sechs Stunden später mit den Skiern wieder am Basislager zu stehen, ist nur möglich gewesen, weil er ein außergewöhnlicher Kletterer ist, ein außergewöhnlicher Beherrschender am Berg und ein außergewöhnlicher Skifahrer. Wir gehen in diesem Podcast nicht nur auf seine Karriere ein, sondern wir gehen auch darauf ein, durch wen er groß geworden ist, wer ihm seine Fähigkeiten überhaupt zugänglich gemacht hat, derjenige, mit dem er jahrelang in einer Kletterseilschaft die außergewöhnlichsten Touren der Welt gegangen ist, denn er ist jemand, der mit Reinhold Messner gemeinsam viele, viele Jahre ganz außergewöhnliche Leistungen erbracht hat, nämlich die Übersteigung von zwei Achttausendern, was vorher auch noch nie einer Seilschaft gelungen ist. Und wir schauen genau auf diese magischen Momente, wir schauen genau auf die Wendepunkte, die es gab in seinem Leben, Wendepunkte, die dazu geführt haben, dass Reinhold Messner in sein Leben getreten ist. Wenn er da nicht zu der Zeit an dem Ort gewesen wäre, wo Reinhold Messner ihn angerufen hätte, hätte sein Leben möglicherweise eine ganz andere Wendung genommen. Er ist derjenige, der viele Jahre dann später aus dem Schatten von Reinhold Messner ausgetreten ist, als Reinhold Messner gesagt hat, ich habe alle Berge bestiegen, ich gehe jetzt raus aus dem hochalpinen Alpinismus und werde Sandwüsten und Eiswüsten durchschreiten und mich in meiner nächsten Lebensphase widmen. Er dadurch frei geworden ist und seinen eigenen Weg gehen konnte und somit überhaupt zu den Leistungen, die heute noch einzigartig sind, aufstreben zu können. Wir reden natürlich auch über Tiefpunkte, Wendepunkte im Leben und natürlich über das, was ihn in Zeiten wie diesen aktuell umtreibt, wo natürlich viel Tourismus in den Bergen stattfindet beziehungsweise wir durch die aktuelle pandemische Lage eingeschränkt sind in unserer Bewegungsfreiheit. Ich habe ihn als jemand kennengelernt nach einer zweitägigen Tour, die wir mit ihm gemacht haben in seinem Heimatgebiet Sand in Taufers in Südtirol und hatte danach die Möglichkeit, ihn in seinem Büro, in seinem Office direkt am Hans-Kammerlander-Platz zu interviewen und damit ist der Name auch schon raus. Ich darf mich nun freuen auf ein grandioses Interview, auf einen wunderbaren Mensch, auf ganz tolle Insights, auf ganz tolle Erlebnisse, auf ganz tolle Geschichten und damit ihr euch und du als Zuhörer auch. Und die Rede ist von niemand anderem als Hans Kammerlander. Gast: Und in that perseverance, I found new levels of strength. Und dann habe ich angefangen, das zu machen. Torsten J. Koerting: Möglichkeit weitergeben zu dürfen. Aber es hat was mit Geduldigsein zu tun. Also zu erfahren, was denn die jungen Menschen bewegt. Gast: You're really making me think with these questions. It's wonderful. Torsten J. Koerting: Hans, wir sind ja gerade zurückgekommen von der zweiten Gegentur mit dir. Etwas, was du ja aktuell machst mit Kunden, mit Menschen, die mal in deiner Umgebung wandern möchten, in dem Tal, in dem du aufgewachsen bist. Und wir haben dich dadurch ja schon mal ein bisschen kennengelernt. Und trotzdem bekommst du die erste Frage gestellt, die jeder gestellt bekommt. Stell dir vor, wir treffen uns oben auf einer Berghütte, irgendwo in den Alpen. Wir kennen uns nicht. Du bist irgendwie von der einen Seite hoch oder kommst gerade von irgendeiner Tour zurück. Und wir treffen uns dort, tauschen uns so aus, wie der Tag so war, was du vielleicht für den nächsten Tag geplant hast. Und dann kommt die Frage, was machst du denn sonst so, wenn du nicht in den Bergen rumkraxelst? Gast: Ja, ich habe natürlich mehrere Hobbys, vor allem, ich arbeite gerne mit Holz, vor allem mit alten Holz. Und ein ganz großes Hobby seit Jahren sind die Oldtimer. Diese alten Maschinen, wo ich selber ein bisschen rumschraube und mache. Und auch einen Ausflug mache mit so einem alten Auto, wie zum Beispiel ein Samba-Bus von 59, der alte VW, der T1. Das sind natürlich ganz tolle Momente, weil so ein Bus, ein 90, 34 PS, einfach die Zeit zurückdrehen, entschleunigen. Also das sind so Hobbys, die ich mache zwischen den Bergen, weil im Frühling und im Herbst ist immer ein bisschen Zeit, wenn ich nicht gerade auf Expeditionen oder auf Trekking bin. Und dann passt das genau rein. Holz und Autos, was machst du mit Holz? Ja, ich habe früher von meinem Vater ein bisschen schnitzen gelernt. Aber da verwende ich jetzt nicht altes Holz, sondern vom Zirbelkiefer, das ist ein schönes, weiches Holz. Und mache ein bisschen was und sonst halt mit alten Balken, wo ich von mir aus wieder einmal im eigenen Haus irgendeinen Raum gestalte. Und da verwende ich Holz, wie zum Beispiel vom älterlichen Bauernhof, den der Bruder saniert hat. Und diese Balken sind doch 200 Jahre alt. Die sind nicht geschnittene Balken, ganz alte gehackte. Und wenn man sowas jetzt in einem neuen Haus schön platziert, ist das immer, wenn man es anschaut, ein bisschen Erinnerung zurück in die Jugend. Torsten J. Koerting: Und Holz ja auch etwas, was dich auf all deinen Wegen immer begleitet hat, weil du natürlich auch nicht nur in den hohen Höhen, sondern auch in den Bergen, in den Wäldern unterwegs bist. Du bist ja jemand, der nicht nur in Südtirol, sondern über alle Ländergrenzen hinweg bekannt ist. So eine lebende Legende könnte man sagen oder darf man sicherlich sagen. Nimm uns doch mal ein bisschen mit auf deine Lebensreise, vielleicht auch auf die Phasen deines Lebens, die so hinter dir liegen. Du bist jetzt 64, wir hatten die Möglichkeit, jetzt zwei Tage mit dir zu verbringen. Und das Ganze hat ja einen Ursprung, das Ganze hat ja einen Anfang und auch einen Teil einer Geschichte zu erzählen. Gast: Ja, es hat natürlich begonnen und alles sehr überraschend, weil ich wurde ja gebogen auf dem Bergbauernhofer schon in der Kindheit unterwegs im Gebirge, aber nicht auf Gipfeln. Wir waren nur unterwegs, wo halt noch unsere Viecher waren, Schafe, Kühe und so, Sommerauftalben und so, und dann die Gipfel schon ab und zu gesehen, aber die haben nichts gesagt. Und irgendwann bin ich doch einmal, weil ich neugierig war, auf so einen Gipfel hoch, Schule geschwänzt, bin einfach da hoch. Und dann habe ich diese Faszination entdeckt. Natürlich, dann wollte ich das immer wieder erleben, weil es war ein tolles Erlebnis. Und so nach und nach steigert sich halt auch alles, wenn das Können mehr wird und dann werden auch die Ziele steiler, ein bisschen höher. Und so ging das weiter und irgendwann war das schon eine so große Leidenschaft, dass ich mir gedacht habe, mich interessiert kein Beruf zu lernen. Da waren auch wenige Möglichkeiten von diesem kleinen Bauernhof aus. Gast: Und dann habe ich gedacht, ja, vielleicht wenn du das einfach ganz konsequent weiter übst, vielleicht kannst du dieses Hobby zum Beruf machen. Und das ist mir dann auch gelungen. Und so auch ganz genau schon in der Zeit, wo es vom Alter her möglich war, habe ich die Bergführerprüfung geschafft. Und gleichzeitig auch für den Winter, da ist wieder ganz ein anderer Beruf, die Skilehrerprüfung. Und dann ist es so wie Beruf geworden. Und dann hat sich das Leben halt auch verändert. Da war ich im Sommer über unterwegs als Bergführer. Und da war auch ein Glücksfall, weil ich habe sofort in meinem ersten Bergführerjahr in der Alpinschule von meinem großen Vorbild, Idol von Messner gearbeitet. Und mein Arbeitsplatz waren die schönsten Berge der Welt. Das waren die Dolomiten im Sommer. Und im Winter war ich auf der Piste unterwegs, großteils hier in Taufer-Arndal, als Skilehrer. Und natürlich Skitouren. Soweit es ging, eher lieber die Skitouren ran im Gelände draußen. Es war doch ein bisschen mehr als auf der Piste, diese links und rechts geworfen, fahren den ganzen Tag. Ja, und dann war das halt einfach ein paar Jahre mein Beruf. Und durch das, weil ich in der Alpinschule von Messner gearbeitet habe, und er hat mein Leben ja auch verfolgt, hat er mich dann, das war für mich überraschend, eingeladen, gemeinsam auf den Hohenberg zu gehen. Und das war dann ein Einstieg in eine komplett andere Welt. Gast: Andere Welt meine ich jetzt deswegen so, weil dann war der Bergführer-Proof nur noch ganz am Rande, hobbymäßig, ein bisschen. Weil es Ausgleicher war, ansonsten waren einfach die Expeditionen. An der Seite von Messner bin ich dann in einen doch jahrelangen Wettlauf eingestiegen. Da ging es dann mehr auf Leistung, da sind wir einfach dann unterwegs gewesen, auf der Suche nach neuen Wegen und neuen Ideen. Und dann hat er einige Jahre an seiner Seite verbracht. Er war für mich ein sehr wichtiger Lehrmeister natürlich. Aber es war ein sehr harter Einstieg. An seiner Seite, er war ja der Vollprofi auf den Hohenbergen. Und selber war ich auf den Hohenbergen einfach Anfänger, ich war einfach Kletterer. Aber die Hohenberge sind ganz anders. Das ist natürlich eine ganz andere Form von Alpinismus. Und wenn du aus einem erfahrenen Europei bist, ist es natürlich wichtig, er führt dich ein, er hilft, Fehler zu vermeiden. Aber natürlich die Ziele gleich am Anfang, die waren schon sehr hart. Und an seiner Seite habe ich dann natürlich auch vieles erleben können, wo ich gern zurückdenke. Gast: Eine Überschreitung von zwei Achttausendern, die nur einer Woche ist, noch nicht wiederholt worden bis heute. Aber es war halt auch so grenzwertig. Also man da zurückkommt und dann an diese Tage denkt. Die vergangenen Tage, da muss man halt auch sagen, da waren sehr, sehr viele Momente dabei, die ganz, ganz am Limit waren. Und da gehört halt einfach ein ganz großes Glück dazu auch. Als Restrisiko ist ich nur oben, wenn du fast mit, oder mit kaum Ausrüstung so abgeschieden und komplett allein du oben auf diesen ausgesetzten Graten herumgeigst. Aber im Nachhinein natürlich tolle Erinnerungen, was immer wieder schon schöne Gefühle sind. Wenn du zurückdenkst, sowas natürlich, wenn man es einmal gemacht hat, möchte man nicht wiederholen. Und dann, nein, nicht nur das, sondern dann eben in Messner aus dem Höhenbergsteigen ausgestiegen ist, weil er gesagt hat, das war es jetzt. Er war der erste Mensch, der es geschafft hat, auf allen 14 Achttausenden dieser Welt zu sein. Gast: Und dann begann für mich natürlich eine neue Etappe. Ich musste dann in dem Moment auch alles selber organisieren, weil das ist auch eine mühsame Geschichte im Vorfeld, dieses Organisieren. Und früher war es viel komplizierter, die Genehmigungen herholen. Das war alles schriftlich. Und hat lange dauert. Inzwischen geht das ja alles schnell und ist schon Routine. Du schickst ein Mail und hast schon eine Genehmigung da, weil für die Länder ist das auch ein großes Geschäft geworden. Die verteilen die Genehmigungen jetzt ganz gern. Früher musstest du vorweisen, dass du ein erfahrener Alpinist bist, sonst hättest du nicht an so hohen Bergen teilnehmen dürfen. Was ich auch ganz richtig finde, weil inzwischen hat sich das schon in eine Richtung entwickelt, wo man denkt, oh, gewisse Leute gehören doch nicht auf diese hohen Berge. Aber ich verstehe auch die Länder, die wollen ein Geschäft machen, weil es ist für sie ein wichtiges Einkommen. Ja, und dann habe ich es selber organisiert, aber ich bin dann halt auch frei geworden für meine eigenen Ideen. An der Zeit mit Messnern waren es hauptsächlich die Messner-Ideen. Weil er hat ja schon ganz vieles gemacht gehabt, zum Beispiel Everest K2. Das hat alles schon gemacht gehabt, als ich mit ihm losgehangen bin. Und dann kamen auch diese Ziele für mich persönlich. Und ich habe dann auch den Stil geändert. Ich habe versucht, so Kombinationen mit Ski durchzuführen. Gast: Von denen habe ich immer geträumt. Er war an der Seite vom Messner, aber das ist keine gemeinsame Idee, weil er ist kein Skifahrer. Und dann habe ich eben diesen Weg, diese Kombinationen gesucht und das war das Maximum. praktisch diese beiden Hobbys, Skifahren und Klettern, diese beiden Hobbys von meiner Jugendzeit auf den höchsten Bergen der Welt zu kombinieren. Ja, und das war dann eben die folgenden Jahre mein Hauptziel. Die Besteuerungen, aber gleichzeitig das Andenken, wo gibt es eine Linie, die eventuell mit Ski machbar wäre. Und ich muss auch sagen, wenn ich zurückdenke meine intensivsten Stunden am Berg, das waren wahrscheinlich schon diese Stunden der Skiabfahrten. Vor allem der Start am Gipfel, wenn du oben stehst und wenn du in die Tiefe schaust und dieses Loskommen da oben. Weil oft stehst du da und schaust runter und da hast du wirklich nur noch die Tiefe unterhalb von dir. Und ja, wenn du lang runter schaust, je länger du runter schaust, irgendwie wird man dann doch das Gefühl, der Berg wird immer steiler. Der wird nicht flacher und die Wand wird nicht kleiner. Also da ist es viel besser, wenn du es schaffst, bei jeder steilen Skitour. So auch für die Leute, wenn sie Pisten fahren, oft am Flach, am Limit, der schwarze Piste. Man soll nicht oberhalb vom Steilhang stehen bleiben und runterschauen, sondern man soll, wenn es geht, einfach hineinfahren in das Gelände. Wenn du mittendrin bist, dann ist alles leichter. Aber wenn du von oben runterschaust, dann wird es richtig hart. Und diese Momente, zum Beispiel ein Start mit Ski am Everest, wenn du oben stehst und die Ski sind so glatt, weil du ja Stunden und Tage unterwegs warst mit Steigeisen an den Füßen im Aufstieg. Steigeisen geben dir sicher einen Halt. Und dann fahren wir durch die Steigeisen weg und steigst in die Ski rein, in die Bindung. Und die Dinger werden schon glatt, wenn links und rechts die Tiefe so dicht fast runter zieht. Und dann eben der Moment, das Starten da oben. Das sind die Momente, wenn ich so vielleicht das Leben, wenn man zurückdenkt, immer wieder, die schon die spannendsten waren. Gast: Ganz starke, ganz intensive Augenblicke. Ja, und dann natürlich muss man auch sagen, wenn man so einen weiten Weg zurückdenkt, da waren ganz, ganz starke Augenblicke da. Aber da war so viel Schinderei da und da waren auch viele Rückschläge da, natürlich sehr, sehr viele. Ich habe leider Gottes einen großen Teil von meinen Expeditionskollegen verloren. Und so im Nachhinein, wo ich zog, und jetzt ist das Thema für mich ja vorbei, die einen Wettlauf machen, jetzt die Jungen. Aber wenn ich zurückdenke, dann wird mir halt auch bewusst, wie viel Glück ich selber gehabt habe. Und wenn ich jetzt zurückdenke, natürlich, ich würde so einen Weg wissen, was alles auf mich zukam, würde ich so einen Weg nicht mehr machen. Aber damals habe ich es ja nicht gewusst, da habe ich mich immer aufgebrochen. Wir haben einfach angenommen, es wird schon nichts schief gehen, aber so musst du auch denken, sonst darfst du nicht aufbrechen. Wenn du alles negativ im Vorfeld siehst, dann ist das nicht die richtige Beschäftigung. Genauso wie beim Klettern. Wenn jemand aufbricht zu einer Klettertour, auch wenn es so eine normale Klettertour ist, und immer alles negativ, wenn man denkt, was passieren könnte, Gast: ich glaube, dann ist das nicht mehr der richtige Sport. Und wir sind sehr am Limit immer gegangen, und du musst am Limit gehen, trotz der ganzen Vorbereitung und so, weil sonst spielst du gleich in der zweiten, dritten Liga. Und dann ist es eigentlich schwer, das Ganze zu finanzieren. Du musst immer Leistungen bringen, damit du die Partner, die Sponsorisierung an deiner Seite behältst. Wenn du immer gescheiter zurückkommst, dann ist das, wie wenn du als Skirennläufer vielleicht einmal im Winter unter den Seen bist und sonst irgendwo. Das geht nicht. Das müssen die Erfolge schon sein. Und die haben wir schon abgeliefert, aber leider wird das der Preis wohl sehr hoch. Torsten J. Koerting: Und als dann die Phase zu Ende ging, also die Phase des Wettbewerbs, die Phase der außergewöhnlichen Leistungen, die Phase der Gefahr, des Bewusstseins der Gefahr, was ist dann gekommen? Gast: Ja, es war so, wenn ich mir plötzlich gedacht habe, die paar Ziele, die ich eventuell noch so im Hinterkopf gehabt habe, die sind es nicht mehr. Da ist die Zeit wahrscheinlich vorbei von der Schnelligkeit, vom, ja, das Alter hinterlässt Spuren. Und dann habe ich aber angefangen, am Anfang ein paar andere Ideen anzudenken und das waren ganz schöne Ideen. Ich habe mir gedacht, so konzentriere ich jetzt ein bisschen mehr auf Reisen, auf Expeditionen in Ländern, wo ich immer gern gewesen wäre. Aber da hat mir die Zeit gefehlt, weil mein alpiner Wettlauf hat sich hauptsächlich doch auf den hohen Berner-Welt in Himalaya abgespielt. Und dann am Anfang, da kam zum Beispiel eine Idee, die sieben Kontinente natürlich auch, aufgrund auch der Länder, die ich entdecken, kennenlernen würde. Und dann habe ich mir gedacht, jetzt mache ich natürlich nicht diese Seven Summits, die klassischen höchsten Gipfel, die sind überlaufen. Das war für mich einfach kein Reiz. Und dann kam eben die Idee, ich habe mir gedacht, mache erstmals, es ist noch nie gemacht worden, auf jedem Kontinent die Zweithöchsten. Und das war eine sehr schöne Reise. Und man muss auch sagen, die Zweithöchsten sind als Gesamtprojekt viel, viel schwerer als die Höchsten, aber auch wirklich viel schwerer. Weil man bedenkt, zum Beispiel in Mount Everest, als Höchster in Asien, der ist viel, viel leichter als der Zweithöchste, der K2. Das ist der König der 8000er. In der Antarkt ist der Höchste, ist ein Skitunberg. Der Zweithöchste wurde, als ich dorthin bin, der wurde erst viermal bestiegen und oft probiert. Also da waren andere Granaten dabei, auch in Afrika, der Höchster, Kilimanjaro, von jeder gesunde, konditionsstarke Wanderer hochgehen. Aber von Kenia musst du klettern, von Zweithöchsten. Aber so ging das weiter in Paukasus genau gleich. Der Elbus, Skitunberg. Oder Dichtau ist ein Kletterberg, der Zweithöchste. Also das war eine schöne Geschichte. Und immer wieder Länder, wo ich noch nie war, zum Beispiel der Urwald von Papua, von Neugenea, mit diesen Urwaldmenschen durch die Wälder gehen und auf den Zweithöchsten hoch, der war ein ganz leichter Berg. Aber die Durchquerung von Urwald war richtig abenteuerlich, weil wir haben ja kein Wort von diesen Urmenschen verstanden. Wenn sie sich unterhalten haben, wenn man da so zugehört hat, hat man immer wieder das Gefühl gehabt, die kommunizieren fast wie ein, positiv, nicht negativ gemeint, wie ein Hund. Die haben so gebellt. Und das alles so zu beobachten, also das war eine ganz neue Welt, wo nicht mehr die steile Wand so ausschlaggebend wäre, sondern die Länder. Also so habe ich dann versucht, diesen Ausstieg wunderbar zu füllen. Oder die Mattohörner dieser Welt, diese dominanten, wunderschönen Berge, von nach vorne wie das Mattohorn. Das Mattohorn ist ja ein Berg, der vielleicht am häufigsten überhaupt von allen Bergen fotografiert wird, weil es so schön ist. Und da habe ich verschiedene Berge gesehen auf meinen Reisen oder auch, wenn ich dort Bücher durchgeschaut habe, wo ich gedacht habe, der schaut doch genau gleich aus wie das Mattohorn. Da ging es mir um die Schönheit und die Form der Berge. Da habe ich noch ein paar Ideen, wo ich noch hin möchte, aber ich habe schon noch gewisse Ziele, aber die sind angepasst genau auf mein Können, wo ich weggehe und weiß genau, das wird nicht der Murzerei werden, weil man das Ziel doch zu hoch wird. Nein, einfach von Routine heraus. Also die Ziele sind schon noch da und ich sage auch so, Gast: weil wir jetzt nicht mehr das Leistungstechnische, aber die Ziele sind wichtiger als die Erinnerungen. Man soll immer ein gewisses Ziel vor Augen haben. Und deswegen ist es ja nicht vorbei, aber ich freue mich, dass ich jetzt diesen doch enormen Druck und den Stress vom Wettlauf überhaupt nicht mehr verspüre. Und es war ja so, wenn es in der Jugendzeit war, wenn mir einmal etwas Schönes gelungen ist, zum Beispiel von mir aus eine 13. Notwand oder eine Eiger-Notwand, da war am Gipfel oben ein enormes Gipfelglück, spürbar, die Freude. Das war einfach, du hast dich richtig gefreut. Und später als Profi hat sich das doch sehr verändert. Wenn ich auf so einem hohen Gipfel war, auch die Achttausender, dann habe ich so das Gefühl gehabt, da ist nicht mehr das Gipfelglück da, es ist ein Gipfelerfolg. Mit dem Gedanken war ich schon wieder beim nächsten Ziel. Also immer weiter, immer weiter. Und jetzt, wo ich sage, der Wettlauf, das war es. Jetzt habe ich wieder das Gefühl, wenn ich irgendwo unterwegs bin und oben bin, dass eigentlich wieder diese Bergfreude entsteht. Also ich finde es ganz schön, so wirklich frei zu sein und zu sagen, ich mache das jetzt nicht mehr für irgendwas, sondern für mich selber. Also es ist wieder zurückgekehrt, wie es früher immer war, in gewissem Rahmen. Torsten J. Koerting: Also zurück zum Ursprung, könnte man das sagen. Gast: Ja, ja. Und das ist eben auch ganz schön. Das macht alles einfach ganz entspannt. Und das habe ich immer gewollt. Ich bin da in die Mühle reingeraten und habe mich halt auch diesem Wettlauf gestellt. Aber ich wusste natürlich nicht, das ist ein sehr, sehr, sehr, Es ist mit unwahrscheinlich viel Schimmerei und Plagen und Risiko verbunden gewesen. Torsten J. Koerting: Ja, auf die Frage komme ich gleich noch. Denn du hast es ja schon gesagt, dass einige deiner Expeditionskollegen gar nicht mehr unter uns sind. Diese Zeit der Expeditionen ist ja noch nicht vorbei. Es gab zwar dazwischen sicherlich nochmal das ein oder andere, was dich auch, glaube ich, sehr stark emotional mitgenommen hat. Aber jetzt nach den Zeiten der Expeditionen würdest du jetzt sagen, auch im Kontext, dass du zurückgehst zum Ursprung, dass das, was du heute tust, auch etwas ist, anderen Menschen deine Welt ein Stück weit zu zeigen und sie mitzunehmen in die Welt, die dich damals und auch heute so begeistert? Gast: Ja, natürlich. Mein Traumberuf war ja in der Jugendzeit Bergführer werden. Und das habe ich dann gemacht, bis zu dem Zeitpunkt, wo ich halt durch den Leistungsalpinismus von denen weggenommen wurde. Und jetzt habe ich eben wieder Zeit, so mit Leuten hinauszugehen auf den einen oder anderen Berg. Und im Endeffekt ist das für mich fast mehr, ich würde fast sagen, das Hobby als der Beruf direkt. Weil ich hätte so viele andere Möglichkeiten. Und das mache ich dann nicht. Ich meine, ich block ganz viele Anfragen von Vorträgen, wo ich sage, in diesem Jahr geht es leider nicht mehr, damit es nicht zu viel wird. Weil ein Vortrag, da musst du auch motiviert sein und gern erzählen und nicht nur die Termine runterleiern. Weil dann macht es mir selber ja keinen Spaß. Und ich möchte die Vorträge nur dann machen, wo nicht die schönste Zeit für den Berg ist. So, Sommer, November, wenn es bei uns überall schon kalt ist und auch eine gewisse Müdigkeit vom ganzen Sommer da ist, wenn du so viel unterwegs warst. Oder auch im Frühling, wo es noch nicht so weit ist. Aber eben diese Arbeit, die versuche ich zu reduzieren oder auch gewisse Filme machen und so. Und das mag ich aber nicht so gern, wenn ich in der Früh aufwache und ich weiß, ich kann auf den Berg gehen, egal ob es auf Wanderbasis ist oder in den Dolomiten klettern, dann fällt mir das Aufstehen leicht. Wenn ich aber weiß, ich muss auf die Autobahn, ich muss irgendwo hinfahren, um dort so eine Veranstaltung zu machen, dann denke ich mir, oh, das ist die Fahrt. Oh, da bin ich dann, fahre ich zwar ein wichtiger Beruf, aber ich bin nicht so glücklich. Gast: Und so teile ich mir das deswegen ein, dass ich einfach lieber auf dem Berg bin und lasse mich weniger von der an sich wichtigeren Arbeit ablenken. Das ist nicht so, weil dann bist du eigentlich irgendwann, bist du nicht mehr du selber und bist nicht mehr frei. Ich versuche schon, soweit es geht, das zu machen, wo ich das Gefühl habe und ich mache das gern. Und wenn es nicht so ist, dann kommt auch keine gute Arbeit raus, wenn es ein Muss ist. Musik. Musik.